Unvermeidliche Härte?

Ehrlich, ich bin ordentlich sauer wegen des zweiten, nun harten Lockdowns – und das obwohl sich das Ganze eh schon eine ganze Weile abgezeichnet hat.

1., „Wäre im Sozialbereich so viel getestet worden wie im Profisport, wäre uns der Lockdown erspart geblieben,“ so der durchwegs treffende Kommentar eines Kollegen. Aber hey, der Sozialbereich schafft ja keinen Mehrwert, deswegen ist Geld, dass da investiert wird, ja auch verloren – so das Credo des Kapitalismus neoliberaler Prägung. Der schlug unter dem Namen der „neuen Realität“ nach dem Ende der ersten Welle wieder voll zu. Die unsichtbare Hand des Marktes regelt alles. Deswegen braucht es möglichst wenig Staat. Selbst die Pandemie hat daran wenig geändert. Der Staat soll das Füllhorn über die armen, in Not geratenen Unternehmen ausschütten – mehr aber auch nicht.
Besonders deutlich wurde das in den Vorbereitungen des Bildungsbereiches: Die guten Ratschläge, Lüften und möglichst Unterricht draußen, haben den Vorteil, dass sie nichts kosten. Jede weitergehende Präventionsmaßnahmen wie das Anmieten größerer Räume, kleinere Klassen oder selbst der Ankauf von Luftfilteranlagen scheiterte an den Kosten. Ähnlich sieht es im Sozialbereich aus: Trotz leerer Hotels, trotz des Wissens um die Gefahr von Massenquartieren hat sich an der Situation von Refugees und Obdachlosen nichts geändert. Nach wie vor gibt es Quartiere, wo hundert und mehr Leute schlafen müssen, nach wie vor gibt es Schlafsäle, wo Abstand halten illusorisch ist. Es verwundert nicht, dass es dort immer wieder zu Corona-Ausbrüchen kommt.
Weitaus am tragischsten ist die Lage in den Pflegeheimen. Vor Corona waren es Orte des Absonderung. Unsere junge, hippe, mobile, liberale Gesellschaft wollte nicht den Problemen der Alten konfrontiert werden. Doch während der ersten Welle galt es plötzlich solidarisch zu sein mit den Alten, mit den Schwachen. Doch kam war die unmittelbare Gefahr vorbei, wurden sie wieder vergessen. Jetzt, mitten in der zweiten Welle, werden wir wieder aufgerufen, solidarisch zu sein. Die Hälfte der Toten sind aktuell Insass*innen von Pflegeheimen. Sie dürfen vergessen werden, sie dürfen schlecht gepflegt werden, aber eine schlechte PR – und viele Tote sind nun mal eine schlechte PR – dürfen sie nicht machen. Die Aussicht ist klar: Jetzt wird um ihr Leben gerungen, danach werden sie wieder aus dem Gedächtnis der Gesellschaft entfernt – mit den bekannten Folgen.

2., Symptomatisch mit dem Umgang ist die Farce rund um die Sonderbetreuungszeit. Zur Erinnerung: Es war vor allem die Wirtschaft, die die Schulen unbedingt offen halten wollte. Sie hatte Angst, dass so viele Eltern/Betreuende nicht mehr in die Arbeit kommen würden. Immerhin hatte die Regierung erst vor kurzem eine Sonderbetreuungszeit beschlossen, die im Falle von Schulschließungen könnten Eltern/Betreuende ihre Kinder zu Hause betreuen. Es kam, wie kommen musste, Die Schulen schlossen, die Sonderbetreuungszeit gibt es aber nicht. Das Schlupfloch: Eine Betreuung in den Schulen ist weiterhin möglich, sie sind also gleichzeitig offen und geschlossen. Die Eltern/Betreuenden müssen nun einmal mehr zum Wohle der Wirtschaft zaubern lernen: Arbeiten, Kinderbetreuung, Ersatzlehrer*in spielen, und das Ganze ohne die (legale) Möglichkeit, Freund*innen zu treffen oder mal bei einem Bier außerhalb auszuspannen. Mensch merkt hier den Wert des Menschen ganz klar.

3., Und überhaupt, was soll der ganze Scheiß? „Jeder Kontakt ist ein Kontakt zu viel.“ Das ist das Credo eines Psychopathen, vor kurzem feuchter Wunschtraum der Neoliberalen (Remember Margaret Thatcher: „ There is no such thing as society“) jetzt offizielle Linie der Pandemiebekämpfung. Dass der Mensch ein soziales Wesen ist, dass es auch und gerade in Krisenzeiten Begegnungen braucht, dass es die Möglichkeit sicherer Kontakte (draussen, mit Abstand) wird ignoriert. Ignoriert wird auch die Wissenschaft. Laut momentanen Stand ist Frischluft das beste Mittel gegen Aerosolkonzentration, und dadurch gegen Ansteckung. Der Rat müsste eigentlich jetzt lauten: „Leute, geht möglichst viel raus!“ und nicht „Sperrt euch zu Hause ein!“
So, mein Rant endet hier. Zum Schluss hab ich noch zwei kleine Bitten, die zwar phrasenhaft sind, aber ehrlich gemeint sind (und die natürlich zusammenhängen)

Passt aufeinander auf!
Lasst uns das System stürzen!

[Splitter 3] Geschmacksnerven verloren?

Lockdown 2.0 ist in Kraft. Diesmal gibt es ein besonderes Zuckerl für die (halb) geschlossenen Gastronomiebetriebe: Sie erhalten 80% des Umsatzes des Vorjahres. Spezielle Regeln gibt es für neu eröffnete Lokale. Dazu kommen spezielle Kurzarbeitsregeln; der Staat zahlt das gesamte „überflüssige“ Personal. Als kleine Draufgabe werden die Einnahmen aus Abholung und Lieferung, die ja weiterhin erlaubt sind, nicht gegengerechnet. Schon in der Vergangenheit gab es spezielle Förderungen für die Gastronomie wie den Wiener Gastro-Gutschein oder eine Senkung der Umsatzsteuer.
Nicht falsch verstehen, die meisten Lokale gehören sicher nicht zu den Krisengewinnern. Doch die aktuelle Regelung hilft den großen Lokalen mit viel Personal am meisten. Dort, wo der Wirt, die Wirtin selbst noch hinterm Budel steht, gibt es deutlich weniger Geld. Wenig überraschend, dass McDonalds, die wohl am meisten Geld bekommen werden, bereist an eine Expansion gedacht wird.
Durch die Finger schauen die Köch*innen, die Kellner*innen und das Küchenpersonal. Sie arbeiten so und so schon in einer Branche mit Dumpinglöhnen und schlechten Arbeitszeiten. Jetzt bekommen sie 80-90% des Lohnes, auf Überstunden und Trinkgeld müssen sie ganz verzichten. Für manche ist das ein herber Lohnverlust. Bei dieser Umverteilungspolitik hin zu den Eigentümer*innen kann mensch schon mal die Geschmacksnerven verlieren.

Update:
Wenig überraschend hat Gewerkschaft mit Alleinvertretungsanspruch einen Teil des Paketes, die Regelung zur Kurzarbeit, mitverhandelt. Doch möglicherweise war ihr das Ergebnis dann doch etwas peinlich. Jedenfalls haben sie im Anschluss noch eine Mini-Prämie von €100,- für die Arbeitrer*innen rausverhandelt. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass selbst jetzt die Chefs gewinnen, und die Arbeiter*innen verlieren – wieder mal mit freundlicher Hilfe deiner Gewerkschaft….

Lockdown 2.0

Gehe in das Gefängnis
Gehe nicht über Los
Ziehe nicht Dm 4000 ein!

Ein neuer Lockdown
Eine Zeitreise zurück in den März
Nur diese Mal
ohne solidarische Nachbarschaftshilfen
ohne Klatschen um 18:00,
ohne dass die Überflüssigen
für systemrelevant erklärt wurden
und sie so gar kleine Prämien bekommen.
Ohne selbstgeleimte Plakate
als kleine Zeichen des Widerstandes

nur mit dem kalten Hauch der Repression

[Splitter 2] Der Wert von Applaus

Corona ist der größte Angriff auf die Arbeiter*innen zumindest seit dem Ende des real-existierenden Sozialismus (so real hat der leider nicht existiert, aber das ist einen andere Geschichte). Es ist natürlich nicht der Virus, sondern die Maßnahmen zur Eindämmung. Erschwert wird das ganze dadurch, dass es nur einen minimalen öffentlichen Diskurs über die sozialen Folgen gibt.

So verwundert es auch nicht, wie schnell die Sozialpartner ÖGB und WKO es schafften, den Wert von Applaus festzulegen.Hintergrund ist der neue Kollektivvertrag für Handelsangestellte – also für jene Menschen, die im Frühling noch als Held*innen bezeichnet wurden, die jeden Abend mit Applaus bedacht wurden. Sie bekommen 1,5% mehr Gehalt, das entspricht genau der offiziellen Inflation. Erfahrungsgemäß ist die Inflationsrate für Geringverdiener*innen, die sich aus dem Mini- und Mikrowarenkorb errechnet, höher.* Dazu kommt eine freiwillige Prämie. Konkret heißt das: Die Handelsangestellten bekommen für ihre Arbeit, die deutlich härter geworden ist, und die beachtliche Gewinne bei Lebensmittelkonzernen erwirtschaftet hat, einen Reallohnverlust. Dieses Ergebnis wurde gleich beim ersten Treffen der Sozialpartner erreicht. Der ÖGB zeigt, wo sein Herz schlägt: für die österreichische Wirtschaft mit fetten Gewinnen der Bonzen und nicht für die Besserstellung der Arbeiter*innen. In diesem Sinne:

Bitte weiterapplaudieren, hier gibt es nichts zu sehen!

* Für die,die es genau wissen wollen: Die Inflationsrate des Mikrowarenkorbs, der den täglichen Einkauf abbilden soll, ist deutlich höher als jener des VPI. Der Miniwarenkorb, der den wöchentlichen Einkorb widerspiegeln soll, hat jedoch eine andere Richtung,‘er ist sogar billiger geworden. Der Grund hierfür ist, dass die Spritpreise, die im Mikrowarenkorb nicht enthalten sind, jedoch nahezu ein Fünftel des Miniwarenkorbs ausmachen, deutlich nachgegeben haben. Vereinfacht gesagt: Das Leben ist teurer geworden, das Autofahren billiger.

[Splitter1] Testen

Wir stehen am Beginn der größten sozialen Verwerfungen der letzten 70 Jahre. Der Beginn ist jetzt schon spürbar. Unsere Löhne sinken, während der Besitz der reichsten 1% auch während der Krise weiter steigen. Menschen, die im Gesundheits- und Sozialbereich arbeiten, sollen sich vom Applaus ernähren und froh sein, dass sie selbst nicht arbeitslos werden.Als einzige Lösungsansätze werden und neoliberale Konzepte verkauft: „Anreize“ für Unternehmer*innen,m und da wir ja alle im gleichen Boot sitzen, dürfen wir Arbeiter*innen mit prekären Jobs, weniger Kohle, weniger Freizeit und weniger Sicherheit auch gleich unseren Anteil für diese Anreize liefern.

Doch über die soziale Frage zu sprechen ist nach wie vor ein Tabu. Es wird nur in privaten Runden besprochen. In den Medien kommt es nur am Rande vor. Auch in politischen Aktionen und Programmen, egal ob von parlamentarischer oder außerparlamentarischer Seite, wird das Thema sehr stiefmütterlich behandelt. Doch es nutzt nichts, darüber zu lamentieren. Stattdessen wird an dieser Stelle in unregelmäßigen Abständen soziale Splitter der Verwerfung publiziert. Mehr Kurznachrichten als Analyse; natürlich unzureichend, aber genug, um zumindest punktuell dem Tabu entgegenzuwirken. Den Anfang macht das Testchaos in Wien:

Die momentanen Corona-Tests sind der perfekte Ausdruck der Zwei-Klassen-Medizin. Wenn du 120€ zahlst, hast du das Ergebnis wenige Stunden später in der Hand. Wer auf die Testungen von 1450 angewiesen ist, muss zwar nichts zahlen, bekommt aber das Ergebnis meist erst 1 Woche bis 10 Tage später, dann, wenn die Quarantäne sowieso am Auslaufen ist.

Der größte Testandrang kommt momentan von den Schulen, die ohne größere Vorbereitung und ohne ausreichende Vorsichtsmaßnahmen, mit fehlender Kommunikation wieder in den Herbst gestartet sind. Die Folge: Unsicherheit, und bei jeden Husten muss getestet werden. Es gibt eine ganz offensichtlichen Konflikt: Die meisten Pädagog*innen vor Ort genauso wie die viele Eltern wollen möglichst auf Nummer sicher gehen, während die Verwaltung die Schule unbedingt offen halten will. Die Arbeitnehmer*innen sollen ja nicht zu viel Fehlzeit wegen Betreuungspflichten anhäufen.

Der Hacken an der Sache ist: Sie wollen keine Kohle dafür in die Hand nehmen. Das Konzept der offenen Schulen hätte ja aufgehen können, wenn mehr die Klassen kleiner wären, wenn mehr Raum und mehr Lehrer*innen da wären. Doch das würde kosten. Und das Geld wird ja für die Wirtschaftsrettung gebraucht. Da müssen eben Prioritäten gesetzt werden.

Die Schüler*innen und Lehrer*innen können ja froh sein, dass sie nicht in den Schlachthöfen arbeiten. Da gibt es einen speziellen im Bezirk Ried. Dort gab es schon Anfang Juli die ersten Corona-Fälle. Doch der Betrieb wurde nicht eingestellt, der Rubel muss ja rollen. Jetzt gibt es dort einen neue Cluster. Und wieder hieß es: Alles unter Kontrolle, nur ein kleiner Teil, nur ein Fließband betroffen, klar abgegrenzter Cluster, keine Panik. Nur plötzlich sind 62 Menschen betroffen, davon zwei, die gar nicht im Schlachthof arbeiten….

Erste, zaghafte Schritte im Sozialbereich, sich selbst zu artikulieren

Massive soziale Verwerfungen gehen Hand in Hand mit der medizinischen Krise, mit der Corona-Pandemie. Stark gestiegene Arbeitslosenzahlen und Menschen in Kurzarbeit, und eine AUA-Rettung, bei der die Arbeiter*innen auf ca. 10 % ihres Reallohnes verzichten müssen, sind die ersten Vorboten davon. Obwohl diese Verwerfungen Thema vieler unserer Gespräche sind, kommt es medial nur verklärt vor. Entweder wird es technisch – als reine Abfolge von Zahlen – oder aus Unternehmer*innensicht – die steigende Gefahr von Pleiten etc.- abgehandelt.

Leider wird das Thema auch innerhalb der diversen Linken nur stiefmütterlich behandelt. Selten geht es in den Artikeln der linken Medien über ein fast schon üblichesund leider auch wirkungsloses „Wir zahlen nicht für Eure Krise!“ hinaus. Auch in den Protesten nach dem Lockdown spielten sie nur eine geringe Rolle. Am 1. Mai, bei BlackLivesMatters, bei der Verteidigung des EKHs und bei mehreren kleinen Protesten waren die Verwerfungen zwar als Hintergrundrauschen vernehmbar, mehr aber auch nicht.

Es gibt jedoch eine Gruppe, die sich intensiv mit beschäftigt, und dabei auch immer wieder die Öffentlichkeit sucht. Es sind jene Menschen, die im Gesundheits- uns Sozialbereich arbeiten. Bereits vor der Corona-Pandemie hatten sie mit hohen Arbeitsdruck, Unterbesetzungen, prekären Bedienungen und mieser Bezahlung zu kämpfen. Deswegen gibt es in dem Bereich vergleichsweise viele Basisinitiativen, die für bessere Arbeitsbedienungen kämpfen.

Sie erlebten mit, wie sie während des Höhepunktes der Krise bejubelt wurden, wie seitens der Politik Versprechungen gemacht wurden, dass sich ihre Arbeitsbedienungen nun verbessern werden. Doch sie erlebten auch mit, wie diese schöne Anerkennung schon einen Moment später wieder vergessen wurde. Die neuen Kollektivverträge im Sozialbereich bringen wenig Vorteile und viele Nachteile. Von den meisten Basismitarbeiter*innen werden sie als Verrat seitens des ÖGBs gesehen. Das Kindergeld für ausländische Pfleger*innen soll trotz eines Rechtsstreites gekürzt werden. Immerhin sind sie damit noch besser dran als ihre Kolleg*innen im Handel, die als Corona-Prämie oftmals nur eine Tafel Schokolade bekamen.

Vor allem der Verrat des ÖGB verändert die Situation der Arbeitskämpfe grundlegend. Bislang wurden sie meist durch Stellvertretungen und Verhandlungen geführt. Dieser Weg funktionierte schon länger nicht mehr. Sei es durch den Neoliberalismus, durch die Digitalisierung, durch das Verschwinden eines gut organisierten Industrieproletariat und durch das Anwachsen einer schlecht organisierten Dienstleistungsklasse, auf jeden Fall verliert der ÖGB Verhandlungsmacht, die Arbeitsbedienungen werden schleichend schlechter. Als Antwort darauf gründetenschon lange vor Coronasich in manchen Bereichen Basisinitiativen. Vergleichsweise viele gibt es bei den Sozialberufen.

In den letzten Wochen und Monaten wurde in vielen Sozialeinrichtungen die Stimmung durch die vorher geschilderten Entwicklungen deutlich angespannter. Doch politisch und aktionistisch findet das noch wenig Niederschlag: Am 15. Juni gab es eine Kundgebung der „Initiative Sommerpaket“ mit dem vielsagenden Titel: „Mehr als nur Applaus wert!“ für bessere Bedienungen im Wohnungslosenbereich. Eine Woche später demonstrierten Initiativen aus dem Gesundheitsbereich für „reale Verbesserungen statt Applaus“. Beide Male blieb die Anzahl der Teilnehmenden übersichtlich, es waren je zwischen 100 und 250 Personen. Es gibt ansprechendere Aktionsformen als Standkundgebungen mit dauerbeschallung durch Redner*innen. Und dass Appelle an die Regierungen wenig bringen, ist auch nicht überraschend. Dennoch ist Kritik oder gar Häme hier an der falschen Stelle. Es waren vielmehr erste Versuche, sich selbst anders zu artikulieren, zu organisieren, und als solche sind sie sehr wertvoll.

Es gibt auch Versuche, sich anders zu organisieren. Manche Basisinitiativen haben ein Bündnis zur Ausfinanzierung der Pflege und des Sozialbereichs gegründet. Das Wiener Arbeiter*innen Syndikat feierte durch direkte Interventionen erste Erfolge im Arbeitskampf.

Wie es weitergeht, welcher Weg erfolgversprechend ist, steht momentan in den Sternen. Es ist klar, dass die Wut sich einen Weg bahnen wird. Doch wie dieser aussehen wird, bleibt unklar. Wir befinden uns politisch und sozial in einer vollkommen neuen Situation, weswegen auch alte Karten, alte Wegweiser nicht helfen. Nur die Solidarität unter den Basismitarbeiter*innen und die Leidenschaft, eine neue, gerechtere Welt zu bauen, geben grob die Richtung vor. Uns bleibt nichts anders über, als langsam neue Schritte zu machen und neue Wege zu finden!

1. Mai mit Abstand

Der 1.Mai dieses Jahr war anders und doch gleich. Am 30.April endete um 24:00 die Ausgangssperre. Und obwohl bis dahin unklar war, wie es weitergeht, welchen legalen Rahmen es für Demos überhaupt gibt, gab es einige Anmeldungen für die rituellen Maikundgebungen und -demos. Alle traditionellen Demos wurden genehmigt, nur die SPÖ verlegte ihre Kundgebung in den virtuellen Raum. So gab es um 10:00 eine Kundgebung von “Sozial, aber nicht Blöd!” (ca. 10 Teilnehmer*innen), um 11:00 eine kommunistische Demo von der Oper zum rathausplatz (ca. 100 Teilnehmer*innen), um 13:00 die Mayday der Prekarisierten vom Praterstern zum Rathausplatz (knapp 1000 Teilnehmer*innen) und eine Kundgebung von Links.Wien, der Donnerstagsdemo-Partei, am Rathausplatz mit ca. 500 Teilnehmer*innen. Dazu kam eine Minikundgebung in Gedenken an Marcus Omofuma, sowie ein Aufruf zu einer unangemeldeten Fahrraddemo.

All die angemeldeten Kundgebungen konnten in üblicher ritualhafter Art ohne größere Probleme durchgeführt werden. Dieses Mal gab es mehr Abstand und mehr Masken, andererseits war auch die Freude, sich nach wochenlangen Lockdown wiederzusehen, größer. Aber dennoch war es irgendwie wie jedes Jahr. Es wurde in gleicher Weise über die gleichen Themen gesprochen, nur manchmal kam ein Corona-Bezug dazu. SANB kritisierte die Arbeitsbedingungen im Sozialbereich, die kommunistische Demo die Repression in der Türkei und Mayday forderte die Auflösung der Lager auf den griechischen Inseln. Nur im Aufruf zur Fahrraddemo wurde explizit die veränderte soziale und politische Lage thematisiert. Es wurde die Wichtigkeit der eigenen Aktionen betont, ohne aber wirklich daran zu glauben, dass sich was ändern könnte.

Immerhin gab es dieses Jahr mehr dezentrale und unangemeldete Aktionen. Da wurden Nachrichten in der Innenstadt hinterlassen, dort wurden Nationalfahnen eingesammelt, hier wurde ein Haus scheinbesetzt, da gab es eine Radtour zu den Kolleg*innen, die am Tag der Arbeit arbeiten mussten.

Aktionistischer Höhepunkt war, als sich um ca. 15:30 verschiedene Demos (Mayday, Fahrraddemo und Links.Wien) am Rathausplatz trafen. Daraus entstand eine neue Fahrraddemo mit ca. 500 Radler*innen. Anfangs gab es eine durchwegs gute und kämpferische Stimmung. Doch nach nicht einmal einer Runde um den Ring war Schluss. Die Polizei versperrte den Weg, setzte den Radler*innen nach und sprengte so die Demo. Selbst kleine Gruppen wurden von der Polizei nicht geduldet. Dennoch schaffte es, eine kleine Gruppe sich zu sammeln, und als Demo zum Prater weiterzufahren. Dort machte aber die Polizei schnell und brutal klar, wer dort Herr der Lage war. Sie beendete die Demo u.a. mit ritten auf fahrende Radfahrer*innen, mit Kesselungen, ID-Feststellungen und 3 Verhaftungen. Auffallend war, dass die Polizei danach nicht einmal bemühte, sich zu rechtfertigen. Die Behauptung, dass die Demo wegen Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung aufgelöst wurde, erfüllte die Mindestanforderungen der internen Bürokratie und die Wünsche schreibfauler Journalist*innen, mehr aber auch nicht.

Erst am Tag danach wurde bekannt, dass ein kurdisch-kommunistisches Fest am Viktor-Adler-Markt von türkischen Nationalisten angegriffen bzw. gestört wurde.

So bleibt ein durchwegs ambivalentes Fazit: Es war schön, viele Menschen wiederzusehen. Es waren viele Menschen auf der Straße, es gab vereinzelt kraftvolle Momente, es gab ein paar dezentrale Aktionen.

Aber es wurde auch deutlich, dass die momentane Linke weder taktisch noch inhaltlich Antworten auf die Krise gefunden hatte. So wurde am Tag der Arbeit, den Kampftag der Arbeiter*innenklasse, am Vorabend einer riesigen Wirtschaftskrise, wo es jetzt schon an die 2.000.000 Arbeitslose/ Menschen in Kurzarbeit gibt, die soziale Lage bestenfalls am Rande thematisiert. Auch konnte der Polizeigewalt nichts entgegengesetzt werden. Die Auflösung der Demo ist dabei nur symptomatisch für die zunehmende Polizeimacht der letzten Wochen. Auch die fehlende Kommunikationskultur wurde deutlich. Dass ein rechter Angriff erst einen Tag später bekannt wird, ist besorgniserregend. Twitter & Co, helfen da anscheinend wenig.

Somit bleibt ein bitterer Beigeschmack: Die Zeit, in der wir leben, hält einige Herausforderungen für uns bereit, wo wir schnell Antworten finden sollten. Am 1.Mai wurde sichtbar, welch langer und harter Weg da noch vor uns liegt.

Hong Kong Grippe

Schon mal was von der Hongkong-Grippe gehört? Keine Angst, ich hab vor der aktuellen Pandemie auch noch nie davon gehört. Die Geschichte kommt einem jedenfalls sehr bekannt vor: Ein Virus, in dem Fall war es ein Influenzavirus, wird von Tier auf Mensch übertragen. Dort verbreitet er sich rasch, da der menschliche Körper noch zu wenig Immunstoffe dagegen hatte. Im Falle der Hong Kong Grippe war der vermutete Ursprungsort Hing Kong, und es waren Soldaten aus dem Vietnam-Krieg, die für die globale Ausbreitung sorgten. Am Ende sind zwischen 1 000 000 und 4 000 000 Menschen gestorben.

Es gibt einen einfachen Grund, warum die Hong Kong Grippe heute weitgehend vergessen wurde: Es wurden recht wenig Gegenmaßnahmen ergriffen, deswegen schrieb sie sich nicht ins kollektive Gedächtnis ein. Die Pandemie spielte sich 1968/1969 ab, Ausgangssperren wären damals wohl kaum durchsetzbar gewesen.

Es ist ein kleines Beispiel dafür, dass die Mittel der Eindämmung nicht alternativlos sind. Sie sind vielmehr auch Ausdruck der Zeit. Jede Gesellschaft bekommt irgendwie die Pandemiebekämpfung, die sie verdient. Und seien wir uns ehrlich: Der Ausnahmezustand lag latent schon lange in der Luft; jetzt ist er nur manifest geworden…

Der Katastrophen-Kapitalismus

Ein kleiner Buchtipp zur richtigen Zeit:

Naomi Klein, Die Schock-Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus (Frankfurt 2007)

Es ist ganz offensichtlich die Strategie der hiesigen Regierung. Sie wird bloß von einer Propaganda überdeckt. Hier wird ein neues milliardenschweres Hilfspaket geschnürt, da wird verkündet, dass alle, die Hilfe brauchen, diese auch bekommen, und dort wird das Motto „Entscheidend wird einzig sein,  wie viele Menschen wir gerettet haben, wie viele Arbeitsplätze wir gesichert haben und wie viele Unternehmen wir vor der Insolvenz bewahrt haben“ ausgegeben. Das Problem: Die Reden haben wenig mit den Realitäten zu tun. Ende Mai, also zweieinhalb Monate nach Beginn des Lockdowns, wurden erst wenige Millionen Staatshilfen ausbezahlt. Auch auf europäischer Ebene steht die österreichische Regierung auf der Bremse: Möglichst wenig Unterstützung, und wenn, dass nur in Form von Krediten. Begründet wird das mit einer Art nationalen Notstand. Wir müssen zuerst den eigenen Leuten helfen, heißt es. Nationalismus überdeckt aber bekannterweise die sozialen Differenzen. Denn auch hier fühlt sie sich vor allem jenen Unternehmern mit viel Geld, die traditionell der ÖVP nahestehen und das auch mit Spenden zeigen, nahe. Wie es aussieht, geht sie nach dem Motto des Nationalbank-Chef Robert Holzmann vor, der gleich zu Beginn der Krise offen erklärte: „Man muss aber sicherstellen, dass nur die überlebensfähigen Firmen überleben, die anderen, die auch ohne Krise aus dem Markt ausgeschieden wären, sollen nicht überleben. Im Moment ist die Bereitstellung von Liquidität das Wichtigste. Danach liegt es an den Banken, zu entscheiden, wer weiterfinanziert wird und wer nicht.“

Dass der Katastrophen-Kapitalismus kommt, kann also nicht wirklich überraschen. Die spannende Frage ist aber, was machen wir damit, Es wird also allerhöchste Zeit, aus dem Corona-Schlaf zu erwachen, Diskussionen zu beginnen, sich Strategien und Bündnisse zu überlegen, und nicht nur passiv alles über sich ergehen lassen.

Stigma

Corona ist ja praktisch das einzige Thema, das momentan in den Medien vorkommt. Komischerweise gibt es aber einen Aspekt, der kaum beschrieben und beachtet wird: die Stigmatisierung der Erkrankten und der Leute, die mit Infizierten arbeiten. Vor drei Wochen machte die Nachricht einer Krankenschwester die Runde, die von Nachbarn aufgefordert wurde, auszuziehen. Grund: Sie wollen den Virus nicht im Haus haben. Ganz ähnliches wird aus Frankreich berichtet. Dort bekommen die Krankenpfleger*innen zwar Applaus, gleichzeitig werden sie aber in ihrer Nachbarschaft angefeindet – sie sind ja potentiell Virenträger*innen. Auch meine Tante, die sich ziemlich am Anfang der Epidemie angesteckt hatte – sie war in Tirol Skifahren – berichtet ganz ähnliches. Auch nach mehr als 2 Wochen Quarantäne, nachdem sie wieder gesund und sicher nicht mehr ansteckend war, haben Menschen in ihrer kleinen Stadt die Straßenseite gewechselt, nur um ja nicht mit ihr in Berührung zu kommen.

Die Stigmatisierung ist kein Zufall. Wenn anstatt medizinischer militärische Bilder für die Eindämmung einer Pandemie gebraucht werden, wenn wiederholt gefordert wird (und wohl auch vereinzelt gemacht wir), dass Polizei die Kranken befragen soll, dann ist der/die Kranke zumindest ein*e Abtrünnige*r, ein*e Kriminelle*r, oder vielleicht sogar ein*e Überläufer*in, der/die mit dem Feind unter einer Decke steckt.

Das Traurige an der Sache: Eigentlich kennen wir das ganze Spiel, die ganzen Mechanismen ganz gut: Ein wesentlicher Aspekt des LGBTI*Q-Aktivismus der 80er, 90er und 00er Jahre war AIDS-Aufklärung und Kampf um Entstigmatisierung. Doch diese Erfahrungen scheinen jetzt irgendwie verloren gegangen sein….