Wut am Bau

Die folgende Geschichte über einen Bauarbeiter, der, nachdem er um den Lohn geprellt worden ist, das Haus, das er gebaut hat, einfach wieder einreißt, ist sehr typisch, auch für Österreich. Krasse Geschichten, beispielsweise nach einem Unfall, den Schwerverletzten „abschieben“ anstatt ins Krankenhaus zu bringen, schlafen auf der Baustelle (die eben eine Baustelle und kein Dach über dem Kopf ist) oder eben den Lohn nicht auszahlen, sind nichts Ungewöhnliches.
Der Bericht zeigt aber auch die Probleme, warum sich Auftraggeber so Scheiße aufführen können: Zuwenig Solidarität, kein/zu wenig Zugang zum Rechtssystem, Angst vor Abschiebungen bei den Arbeiter*innen führen dazu, dass es viel zu wenig Widerstand gibt. Ein weiteres, ganz wichtiges Problem ist die fehlende Solidarität der Mehrheitsgesellschaft. Es sind ja nur Ausländer, meistens aus dem Osten mit dementsprechend hohen Alkoholkonsum, die stinken, die unangenehm sind. Außerdem profitieren wir ja von den billigen Bauarbeiter*innen, Putzmänner/-frauen, Sexarbeiter*innen, … Deswegen schauen wir besser nicht so genau hin. Deswegen verschwinden die wenigen Zeitungsberichte, die über die Arbeitsbedingungen berichten, irgendwo unter ferner liefen. Und deswegen finde ich es wichtig, solche Geschichten weiterzuverbreiten. Die hier spielt in London und ist im Neuen Deutschland( bezeichnenderweise ist es dort unter der Rubrik Begegnungen erschienen) erschienenen.
ND: Wut am Bau (inkl. Photos)

Wut am Bau
Es beginnt mit zwei Rissen. Einer oberhalb des Fensters, einer in der Backsteinmauer unterhalb. Dann stürzt die Wand ein. Die Regenrinne fällt zu Boden, Balken brechen heraus, Mauersteine kullern auf den Boden. Bis hierhin sind gerade einmal zehn Sekunden vergangen. Die Schaufel des türkisfarbenen Baggers setzt erneut an. Sie schlägt gegen die Fenster, setzt am Dachgeschoss an, reißt dann die Fenster im Ganzen heraus. Die Kamera schwenkt eine Straße entlang, nimmt fertige und halb fertige Häuser ins Visier. Zeitweise ist eine Stimme zu hören. Ein Mann, offenbar der Filmende, sagt: »Du musst es genau so niederreißen, wie du es auch gebaut hast.« Und weiter: »Das ist, weil du mich nicht bezahlt hast. Mich und meine Jungs. Das hier sollte dir eine Lehre sein.«

Es ist ein Jahr her, dass der Bauarbeiter Daniel Neagu, ein heute 31-jähriger Rumäne, mehrere Einfamilienhäuser in einem kleinen Ort nördlich von London zerstörte, die er gerade selbst gebaut hatte, und sich dabei filmte. Noch auf der Baustelle wurde er festgenommen. Im März dieses Jahres wurde das Urteil gesprochen: vier Jahre Haft.

Plötzlich um 15.000 Pfund ärmer
»Ich weiß, dass ich mich falsch verhalten habe«, sagt Neagu heute. »Aber ich hatte keine andere Wahl.« Er steht zu dem, was er getan hat. Im Prozess plädierte er auf schuldig. Doch er ist auch selbst ein Opfer: Nach dem Job auf der Baustelle war er plötzlich um 15 000 Pfund ärmer.

Neagu sitzt seit seiner Festnahme im Gefängnis, seit Mai in Maidstone südlich von London. Die Ausländerquote hier liegt bei nahezu 100 Prozent. Die meisten Häftlinge werden nach Absitzen ihrer Strafe abgeschoben.

Der Besucherraum des Gefängnisses in Maidstone versucht, gemütlich zu wirken. Farbige Sessel sind zu Sitzgruppen angeordnet. Es gibt Kaffee und Kuchen. Etwa 20 Häftlinge sitzen auf den lilafarbenen Sesseln, die allesamt in Richtung Gästeeingang ausgerichtet sind. Die Männer tragen zivile Kleidung, Jeans und T-Shirt. Gemeinsam haben sie nur ein lilafarbenes Band, das sie wie Schärpen über einer Schulter tragen. Ihnen gegenüber stehen jeweils drei graue Plastiksessel, dazwischen ein Tisch. Die Besuchsregeln sind strikt, man darf nichts weiter mit hineinnehmen als 50 Pfund. Selbst Stift und Papier sind verboten. Von dem Geld können die Besucher an der Bar neben Kaffee und Kuchen Snacks und Cola kaufen. Daniel Neagu will nur schwarzen Kaffee.

Er spricht schnell und redet sich in Rage. Verwunderlich ist das nicht: Ein Kollege hatte ihn öffentlich beschimpft, ihn um seinen Lohn betrogen zu haben. Daraufhin hagelte es Drohungen – auch gegen seine Familie. Laut Neagu geht die Geschichte so: Er lebt seit 2015 in England, arbeitet seitdem auf dem Bau, hat auch ein eigenes kleines Unternehmen gegründet. Jim F. von der Firma Fenton rief ihn an und fragte, ob er einen Job übernehmen könne, er sei ihm empfohlen worden. Der Lohn war gut, höher als in der Baubranche üblich, samstags sollte es noch mehr Geld geben. F. fragte, ob er eine Gruppe von Arbeitern zusammentrommeln könne, um die Arbeit schneller zu schaffen. Das tat Neagu. Neun Stunden sollten sie am Tag arbeiten, meistens seien es elf gewesen. »Wir haben Überstunden gemacht, wir haben sonntags gearbeitet«, sagt Neagu. »Wach gehalten haben wir uns mit Kaffee und Red Bull.«

Zwei Wochen arbeiteten sie auf der Baustelle, hoben das Fundament aus, zogen Wände hoch, verlegten Gas-, Wasser- und Stromleitungen. Weil die Baustelle weit außerhalb von London lag, holte Neagu die Kolegen jeden Morgen mit einem Mini-Van an einem vereinbarten Ort ab und fuhr mit ihnen zur Baustelle. Am Ende der zweiten Woche sollte F. Neagu das Geld für die bisherige Arbeit für alle sechs Kollegen geben. Doch der Auftraggeber vertröstete ihn zunächst, er sei im Urlaub und könne ihn nicht treffen.

Das erzählte Neagu den anderen und stellte ihnen frei, am Montag überhaupt zur Arbeit zu kommen. So erzählt es jedenfalls Hafiz, ein junger Kollege, der mit Neagu auf der Baustelle gearbeitet hat. Seinen richtigen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen. »Er war ehrlich zu mir«, sagt Hafiz.

Drei Wochen Arbeit ohne Lohn

Tatsächlich gab es auch nach der dritten Woche kein Geld. F. sagte zu Neagu, es gebe Probleme mit den Auszahlungen bei der Bank. Neagu bat ihn, doch wenigstens die Hälfte des Geldes zu zahlen. Das tat er nicht. Stattdessen beleidigte er ihn. »Er hat mich diskriminiert, mich einen Zigeuner geschimpft!«, erzählt Neagu ein Jahr später in Maidstone.

Einer der Kollegen, Valeriu P., wandte sich selbst an F. Der behauptete, er sei den Arbeitern nichts schuldig, Neagu habe das Geld selbst eingesackt. P. machte seinem Ärger nicht nur gegenüber Neagu Luft, sondern postete auch Warnungen in mehreren Facebook-Gruppen, die teils noch online zu finden sind. Darin warnte P. davor, für Neagu zu arbeiten und postete auch dessen Telefonnummer. Unter einem der Posts finden sich 51 Kommentare, einige davon offene Drohungen wie »Such seine Familie und seine Kinder, wenn er welche hat und brich ihnen Arme und Beine.«

Parallel versuchte Neagu, das Geld zusammenzubekommen, um die Kollegen, die er angeworben hatte, auszubezahlen. Einem vermachte er als Bezahlung sein Auto. Er leerte sein Bankkonto, trieb Schulden ein, die andere bei ihm hatten. Bis auf 300 Pfund habe er alle Löhne bezahlt. Auch Hafiz bestätigt, dass Neagu ihm seinen Lohn vollständig bezahlt hat.
Für die Zeit auf der Baustelle hatte F. Neagu einen Van zur Verfügung gestellt. Der Wagen war alt, sagt Neagu. Als er ein Rad wechseln musste, legte er das Geld dafür aus und bekam es nicht wieder. Als auch der Lohn ausblieb, fuhr Neagu mit dem Van bis nach Rumänien und versteckte ihn. Der Van steht da bis heute. Als »Anzahlung« für den Lohn, den F. ihm schuldet, sagt Neagu. In einem Zeitungsbericht erklärte ein Sprecher von Fenton, er habe Geld zurückgehalten, weil Neagu den Van entführt habe. Auf eine schriftliche Anfrage des »nd« antwortet Jim F. nicht. Auf telefonische Nachfrage sagte eine Mitarbeiterin: »Hier wird sich niemand zu der Sache äußern. Bitte rufen sie nicht wieder an.«

Für einen Anwalt fehlt ihm Geld

Neagu ging auch zur Polizei. Wegen des Geldes und wegen der Drohungen. Er wollte F. anzeigen. »Jim hat mein Leben in Gefahr gebracht!« Doch die Polizei nahm keine Anzeige auf. »Wenn es um einen Streitwert von über 5000 Pfund geht, braucht man auf jeden Fall einen Anwalt, wurde mir gesagt. Den konnte ich mir nicht leisten.« Neagu verließ die Wache. Enttäuscht. »Ich bin nur ein einfacher Arbeiter. Ich kenne meine Rechte in England nicht.«

Neagu traute sich kaum noch auf die Straße. Seine Adresse war bekannt, er dachte, gleich kommt jemand und verprügelt ihn. Als er auch noch Angst um seinen Vater bekam, wusste er nicht mehr weiter. Da fuhr er zur Baustelle. Fünf Häuser zerstörte er mit dem Bagger. Er nahm alles mit einer Headcam auf, »um Aufmerksamkeit auf die Ungerechtigkeiten zu lenken, die Ausländern in England widerfahren«, sagt er später. Irgendjemand rief die Polizei. Noch auf der Baustelle wurde er verhaftet. Das Video gab er der Polizei.
Das Gericht beauftragte einen Pflichtverteidiger. Er habe ihm die ganze Geschichte erzählt, ihm die Screenshots von den Drohungen gegeben. Doch der Anwalt habe nichts davon vor Gericht zur Verteidigung seines Mandanten angeführt, sagt Neagu. Was ihn außerdem ärgert: »Ein Versicherungsschaden von vier Millionen Pfund ist übertrieben.« Diese Summe wurde in Medienberichten kolportiert. Später hieß es, jedes der fünf Häuser habe einen Wert von 425 000 bis 475 000 Pfund gehabt. Das erscheint ihm zu viel: »Ich habe die Häuser gebaut, ich weiß, was die Wert sind. Ich wollte, dass mein Verteidiger einen Gutachter beauftragt, um den Schaden zu ermessen, doch das wurde nicht gemacht.«

Dass er für seine Tat ins Gefängnis muss, ist für Neagu keine Frage. Aber die Haftzeit kommt ihm vergleichsweise lang vor. Er erzählt von einem Mitgefangenen, der regelmäßig Bankautomaten geknackt hat – und zum wiederholten Mal im Gefängnis sitzt. Für vier Jahre, wie Neagu. »Es ist das erste Mal, dass ich das Gesetz gebrochen habe. Ich habe mir nie zuvor etwas zu Schulden kommen lassen. Ich habe immer meine Steuern und meine Rechnungen gezahlt.«

Bei guter Führung wird die Haftzeit halbiert. Dann hätte Neagu nur noch ein Jahr abzusitzen. Er geht davon aus, dann nach Rumänien abgeschoben zu werden. Das stört ihn nicht. Mit Großbritannien ist er fertig, lieber will er nach Italien zurück. Dort hatte er mehrere Jahre gelebt, bevor er zu seinen Eltern und seiner Schwester nach England ging. In Großbritannien verdiene man mehr, aber der Lebensunterhalt sei viel teurer. Und: »In Italien habe ich immer schnell Hilfe bekommen, wenn ich mal Ärger mit einem Auftraggeber hatte.« In Großbritannien hat er die nicht.

Und zum Abschluss gibt es noch ein paar Links zu ähnlichen Aktionen:
Mall Of Shame in Berlin
Baukranbesetzung in Bochum
UNDOK (die können in Wien zumindest manchmal helfen)

Baugeschichten

Das Baugewerbe ist ein hartes Pflaster. Es ist harte Arbeit, gefährlich, und schlecht bezahlt. So verwundert es nicht, dass die, die gesellschaftlich weit unten stehen, auf diese Arbeiten angewiesen sind. Es sind vorwiegend Menschen aus Ost- und Südosteuropa, die oft genug gezwungen werden, illegal zu arbeiten. Ich hab hier 5 Geschichten gesammelt, die schlaglichtartig die Situation beleuchten.

1., Die AUVA Unfallstatistik 2017
In einem Jahr starben 47 Menschen am Bau, 25 davon bei Arbeitsunfällen. Es gab insgesamt mehr als 17.000 Arbeitsunfälle, 6,1% der Arbeiter*innen hatte einen. Und das sind die Zahlen der AUVA, d.h. es wurden nur die Versicherten erfasst. Die Dunkelziffer dürfte demnach sogar etwas höher sein.

2., Prozess wegen Sozialbetrug
In Wien startet ein großer Prozess gegen Sozialbetrug. Es ist die übliche Geschichte: Menschen werden über Scheinfirmen angestellt, die schnell Pleite gehen. Steuern und Sozialversicherung werden so nicht gezahlt. Es profitiert vor allem der Bauherr. Dank der hohen Preise am Immo-Markt und der geringen Preise am Arbeitsmarkt können durch Verkauf und Vermietung hohe Renditen eingefahren werden.

3., Straffreiheit für Betrüger*innen
Es kommt noch besser. In Linz wurden die Akten über Sozialdumping und „Schwarzarbeit“ so lange liegen gelassen, bis sie verjährt sind. Ein ziemlich einfacher Weg zur Straffreiheit. Auch die Regierung ist bemüht, die Bauherrn möglichst ungeschoren davonkommen zu lassen. Die Strafen für Sozialbetrug werden gesenkt und mit einer niedrigen Pauschale bestraft. Hier gibt’s mehr Infos .

4., Wen interessiert es?
Das Interessanteste an dem Ganzen ist das öffentliche Nicht-Interesse. Der englische Ausdruck „Turning a blind eye“ trifft die Sache ziemlich genau. Linz ist ein lokaler Skandal. Die geplante Strafmilderung ist eine Meldung unter ferner liefen. Von den Ermittlungen und Prozess in Wien berichtet lediglich Der Standard. Es passt ja auch viel besser, wenn über die Armutsmigrant*innen geschimpft wird, die ja nur in unser Sozialsystem einwandern wollen. Dass es haargenau diese Leute sind, die die Drecksjobs für einen Scheißjob machen, das wird dann konsequenterweise übersehen.

5., Die Lösung: Selbstorganisation
Mensch muss in der Geschichte ziemlich weit zurückgehen, um radikal andere Verhältnisse zu finden. Um die Wohnungsnot nach dem 1.Weltkrieg zu lindern, haben Menschen legal, illegal Flächen besetzt und Siedlungen gegründet. Diese wurden gemeinsam geplant und aufgebaut. Und obwohl diese Eigenleistungen mit der Zeit weniger wurden, waren auch in den Gemeindebauten der Zwischenkriegszeit zukünftige Mieter*innen verpflichtet, beim bau mitzuhelfen.

Weniger utopisch und mehr konkret: Hinschauen, informieren und solidarisieren ist notwendig! Wenn ihr mitbekommt, dass beim Dachgeschossausbau über eurer Wohnung, redet mit den Leuten, gebt ihnen Flyer von UNDOK . Auch in der Nähe von Großbaustellen sind Plakate der Organisation eine gute Idee. Sie können helfen, zumindest die ärgsten Formen der Ausbeutung zu bekämpfen.

Der große Philanthrop

Wir alle kennen Herr Haselsteiner. Wir alle lieben Herr Haselsteiner. Er ist ein großer Philanthrop, er hat ein großes Herz. Besonders für die Obdachlosen macht er viel. Und wenn nun mache seiner Arbeiter (oder um genauer zu sein Arbeiter eines Sub-Sub-Sub-Unternehmens einer Tochterfirma jenes Konzerns, an der die Familie Haselsteiner die Mehrheit der Aktien hat; ähmm, warum gibt es wohl so komische Konstrukte?) auf ihren Lohn verzichten müssen, so sollen sie doch froh sein: Sie tragen so zur großen Philanthropie des großen Mannes bei. Und wenn ihnen dabei selbst die Obdachlosigkeit droht, so können sie immer noch auf die Großherzigkeit des großen Philanthropen hoffen.