Der Katastrophen-Kapitalismus

Ein kleiner Buchtipp zur richtigen Zeit:

Naomi Klein, Die Schock-Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus (Frankfurt 2007)

Es ist ganz offensichtlich die Strategie der hiesigen Regierung. Sie wird bloß von einer Propaganda überdeckt. Hier wird ein neues milliardenschweres Hilfspaket geschnürt, da wird verkündet, dass alle, die Hilfe brauchen, diese auch bekommen, und dort wird das Motto „Entscheidend wird einzig sein,  wie viele Menschen wir gerettet haben, wie viele Arbeitsplätze wir gesichert haben und wie viele Unternehmen wir vor der Insolvenz bewahrt haben“ ausgegeben. Das Problem: Die Reden haben wenig mit den Realitäten zu tun. Ende Mai, also zweieinhalb Monate nach Beginn des Lockdowns, wurden erst wenige Millionen Staatshilfen ausbezahlt. Auch auf europäischer Ebene steht die österreichische Regierung auf der Bremse: Möglichst wenig Unterstützung, und wenn, dass nur in Form von Krediten. Begründet wird das mit einer Art nationalen Notstand. Wir müssen zuerst den eigenen Leuten helfen, heißt es. Nationalismus überdeckt aber bekannterweise die sozialen Differenzen. Denn auch hier fühlt sie sich vor allem jenen Unternehmern mit viel Geld, die traditionell der ÖVP nahestehen und das auch mit Spenden zeigen, nahe. Wie es aussieht, geht sie nach dem Motto des Nationalbank-Chef Robert Holzmann vor, der gleich zu Beginn der Krise offen erklärte: „Man muss aber sicherstellen, dass nur die überlebensfähigen Firmen überleben, die anderen, die auch ohne Krise aus dem Markt ausgeschieden wären, sollen nicht überleben. Im Moment ist die Bereitstellung von Liquidität das Wichtigste. Danach liegt es an den Banken, zu entscheiden, wer weiterfinanziert wird und wer nicht.“

Dass der Katastrophen-Kapitalismus kommt, kann also nicht wirklich überraschen. Die spannende Frage ist aber, was machen wir damit, Es wird also allerhöchste Zeit, aus dem Corona-Schlaf zu erwachen, Diskussionen zu beginnen, sich Strategien und Bündnisse zu überlegen, und nicht nur passiv alles über sich ergehen lassen.

Ekstase und Konsens

Ich hab grad „Uns verbrennt die Nacht“ von Craig Kee Strete gelesen. Er beschreibt darin rauschhafte Nächte Mitte/Ende der 60er in Los Angeles, die er gemeinsam mit Jimi Morrison verbracht hatte. Und wie so oft bei Beatnik- und Hippieromanen bin ich hin und hergerissen. Sie beschreiben einen Rausch, und bei den besseren Büchern ist das Lesen auch kleiner Rausch. Doch gerade die Darstellung von Frauen* hinterlässt mehr als einen bitteren Nachgeschmack. Sie sind schmückendes Beiwerk, nicht viel mehr als Fickobjekte, wie Drogen ein Mittel den eigenen Rausch voranzutreiben. Craig Kee Stret entschloss sich, eine düster-mystische Version seiner Hippiezeit zu schreiben, in der beides, Rausch und Misogynie, extrem vorkommen.

Dass das Ganze eine stark sexistische und patriarchale Schlagseite hat, hat damit zu tun, dass es vorwiegend Rauschgeschichten von Männern* aufgeschrieben wurden. Doch die hatten die sexuelle Revolution nicht gepachtet. Auch Frauen* profitierten davon: Mensch denke an Janis Joplin oder an Nico, um nur zwei Beispiele aus der Welt der Rockmusik zu nennen. Doch in der Literatur fand das zunächst wenig Niederschlag. Meines Wissens gab es erst ab den 90ern/Jahrtausendwende weibliche* Rauschgeschichten, die größere Verbreitung fanden. Ich hab da die genialen Comics von Ulli Lust im Kopf, die aber nochmals ein Stück später entstanden.

Hinter diesem Missverhältnis liegt aber ein viel tieferliegender Gegensatz. Rausch und Ekstase beruhen im Kern auf Grenzüberschreitung. Zumindest die Grenzen des Alltags werden dabei hinter sich gelassen. Konsens beruht im Gegensatz dazu auf eine ruhige Innenschau, zumindest in der besten Version. Die beiden Pole scheinen sich auszuschließen.

In den Romanen wird aber meist noch eine andere Grenzüberschreitung beschrieben – die zwischen Weggefährten, zwischen Kumpels. Doch diese wird meist als bereichernd, als anregend beschrieben. Es hilft, den Schatten zu überspringen, sich selbst mehr zuzutrauen, das Gewohnte, Alltägliche, das Hemmende hinter sich zu lassen. Der Erfolg von Craig Kee Strete#s Buch beruht zum Großteil auf die Kumpanei mit einem fiktiven Jimi Morrison. Dieser klein Taschenspielertrick brachte ihm viel Aufmerksamkeit, brachte dem Buch allein in der deutschen Übersetzung 18 Auflagen.

Diese Kumpelei zeigt aber auch, dass Ekstase und Konsens nicht zwangsläufig Gegensatzpaare sind, dass sich das ganze auch viel anders denken und handeln lässt. Wenn es ein aktives Wahrnehmen, wenn es Vertrauen gibt, können sich Rausch und Zustimmung wunderbar ergänzen. Und ja, es liegt an uns Männer, dieses Missverhältnis zu beenden, diese Kultur zu ändern!

Es lebe die Angst

Du sollst ein Frustrierter werden, der es nicht merkt, flüstert Jenö, einer, der tagelang marschiert, sich im Schlamm wälzt und dann mit heißem Gesicht salutiert, dazu müssen sie unsere Furcht vernichten, jeden Tag, bei jeden Appell, bei jeder Übung, glaub mir, wenn wir uns nicht mehr fürchten, dann sind wir am Ende, dann sind wir tot oder töten, Zoli, Zoli sei mutig, tapfer! Schreien sie dir in den Kopf, weißt du was das heißt? Stirb oder töte, nichts anderes, glaub mir ich hab das studiert, Zoli, ich weiß Bescheid, du zitterst doch, weil dein Schiss aus dir rausplatzt, zeig deine Furcht nicht, Zoli, aber behalt sie immer in dir (…)
die Angst ist menschlich und vermutlich das, was den Menschen vom Unmenschen unterscheidet, sagt er, aber hier, gottverdammt, in der Armee machen sie dich fertig mit deiner Angst, das musst du doch verstehen, Zoli, deshalb musst du die Angst in dir hüten wie eine Kostbarkeit, versteh doch!

Melinda Nadj Abonji, Schildkrötensoldat (Berlin 2017) 80f.

Den beiden Protagonisten nutzt ihre Furcht im Roman nichts – der eine wird von seinem Vorgesetzten zu Tode gehetzt, der andere wird darüber verrückt, doch ich finde diese Stelle wunderschön und superspannend. Die Autorin redet dabei vom Jugoslawienkrieg Anfang der 90er Jahre. Ich glaube aber, dass diese Gedanken in Wien der Gegenwart auch ihre Gültigkeit haben. In der neoliberalen Konkurrenzgesellschaft wird ein ständiger Kampf jedeR gegen jeden geführt. Da kann mensch sich eigentlich keine Fehler erlaube. Mensch muss selbstbewusst, jugendlich, partytauglich, global interessiert, … sein, das Profilbild muss schöner, die Follower mehr sein. Wer da nicht mit will oder mit kann, der hat zum Teil echt krasse Konsequenzen zu befürchten. Ich hab diesbezüglich grade den Drachenlord im Kopf, es lassen sich aber auch hundert andere Beispiele finden. In so einer Gesellschaft die eigenen Narben auf der Haut und auf der Seele offen zu zeigen, die Angst vor dem Versagen nicht zu verstecken, das Recht auf Imperfektion einzufordern, das ist tatsächlich eine revolutionäre Tat.