Kritik an der neuen Klimabewegung

Mometan gibt es einiges an Kritik an Extinction Rebellion. Vor allem ihr Begriff von Gewalt bzw. Gewaltfreiheit stösst vielen sauer auf. XR sieht sich selbst als strikt gewaltfrei, was prinzipiell zu begrüsen ist. Allerdings sind für sie schon das Rufen mancher Parolen oder das Sprayen von Grafittis schon Gewalt, während Aktionen der Polizei nicht thematisiert werden. Sie haben also eine strikte Definition bei persönlicher Gewalt, während andererseits strukturelle Gewalt ausgeblendet wird.

Meiner Meining nach müsste aber die Kritik umfassender sein, und einen Großteil der neuen Klimabewegung umfassen. Da gibt es einiges, was mir fragwürdig erscheint.

Fangen wir mit dem Personenkult rund um Greta Thurnberg an. Ohne Frage sind die Aktionen und Reden von ihr inspirierend. Aber: Der Kampf um die Umwelt, gegen den Klimawandel lässt sich nicht auf eine Person festschreiben. Er muss von (möglichst) und allen geführt werden. Deswegen stösst mit der Personenkult auer auf – auch wenn daran eher die Medien mit ihrer ständigen Suche nach guten, verkaufbaren Stories als der Aktivist*innen auf der Strasse ist.

Es sind aber die meisten Aktivist*innen (FFF, XR,…), die Appelle an die Regierungen richten. Auch hier habe ich den Eindruck, als würde versucht werden, unsere Verantwortung abzuschieben. Außerdem glaub ich nicht, dass die Regierungen, selbst wenn sie wollten (ich glaub nicht, dass sie wollen), etwas ändern könnten. Zu klein ist ihr Spielraum, zu eng ist die Postdemokratie mit dem Kapitalismus verwachsen. Es liegt an uns, Sachen zu ändern.

Was mich gleich zum nächsten Punkt führt: ich vermiss tiefergehende Analysen, ich vermiss die wirtschaftliche Dimension, kurz gesagt, ich vermiss den Antikapitalismus. Viele geben sich radikal ohne dass sie das wirklich sind. Da gibt es natürlich innerhalb der Bewegung große Unterschiede, aber es ist doch weitverbreitet.

Und scließlich misstrau cih dem Endzeitszenario, das vielfach aufgbaut wird. Keine Frage, es wird in den nächsten Jahren große Veränderungen geben. Aber ich glaub, dass sich hinter dieser Lust an den apokalyptischen Visisonen versteckte und unhinterfragte Hierachiemuster finden. Beim Ruf „Feuer!“ funktionieren plötzlich Befehlsketten problemlos. Stattdessen brauchen wir kollektive Diskussions- und Aktionsprozesse, wo sich möglichst alle solidarisch beteiligen können.

…. und dann erchreck ich vor mir selbst. Gehör ich jetzt auch schon zu den alten Männers, die alles bessser wissen; die glauben, dass sie und nur sie den einzig richtigen Weg zur Revolution kennen. Über die mensch am besten Fal ll nur milde lächeln kann. Verorte ich mich nicht selbst innerhalb der antikapitalistischen sozialen Bewegungen? Jener politischen Strömug, die in den letzten 30 Jahren – mit wenigen Ausnahmen- in einer Dauerkrise steckt? Da mag ich andere Menschen belehren? War ich nicht immer der Meinung, dass schwimmen nur die lernen können, die ins Wasser springen? Genoss ich nicht die Stimmung bei den Demos? Sebst wenn es nur langweilige Latschdemos waren, war da nicht einiges an Energie da? Und war da nicht das Gefühl, dass da was Neues, Spannendes entsteht – oder zumindest entstehen kann?+

Das ändert nichts an meiner Kritik. Sie soll so aber in die richtigen Relation gebracht werden. Ich bin ichts als ein kleiner Wicht. Ich nehm für mich das Recht in Anspruch, auch mal ordentlich daneben zu liegen – und ich gesteh auch anderen dieses Recht auf Fehler gerne zu . Das ist wichtig. Denn die Klimabewegung lebt nicht nur von Aktionen, sondern genauso von Theorie, von Reflexion und von Diskussionen. Und wenn wir es schaffen, die nicht vollkommen arsch – zu gestalten, sondern so, dass es Lust macht, sie zu führen, dass es im besten Fall allen einen Ereknntnisgewinn bringen kann, dann , ja dann kann wirklich was Großes geschehen: Eine solidarische und genießbare Bewegung, die wirklich was ändern kann!

P.S. Ich wurde auf einen älteren Artikel in der Graswurzelrevolution aufmerksam gemacht. Ähnliche Diskussionen und Probleme gab es schon früher:

Ausgrenzungs-Prozesse

Dieser Vice-Artikel bietet eine Kritik mit Ansicht von innen an:
https://www.vice.com/en_uk/article/59nq3b/extinction-rebellion-tube-disruption-criticism

Donnerstagsdemo: Der Geschmack aufgewärmten Essens

Als im Februar 2000 sich zum ersten Mal eine schwarz-blaue Regierung bildete, bildete sich eine der größten Protestbewegungen der Nachkriegszeit. In den nächsten zwei Monaten gab es praktisch täglich Demos, Besetzungen, Aktionen. Die widerständische Bandbreite reichte dabei von Massendemos, Dauerkundgebungen, künstlerische-intellektuellen Einspruch bis hin zu Eier- und Tortenwürfen, Besetzungen. Bei Spontandemos wurden hunderte Kilometer durch diese Stadt gewandert. Die Donnerstagsdemos waren Teil davon.

Daran wollten die Organisator*innen der neuen Donnerstagsdemos anknüpfen. Im Aufruf rufen sie diese Zeit zurück ins Gedächtnis „da war widerständiges Knistern in der Luft zu spüren. Und genau diesen Geist holen wir auf die Straßen zurück. Lauter, lustvoller und kämpferischer als zuvor zeigen wir gemeinsam, was wir von dieser Regierung halten – nämlich gar nix.“ Das Vorhaben missglückte. Und das, obwohl ca. 20.000 Menschen zum Ballhausplatz kamen. Zu Spitzenzeiten war es so voll, dass selbst ein Durchdrängeln fast nicht möglich war. Mindestens die Hälfte der Menschen hat von reden und Musik wenig mitbekommen, weil sie zu weit von der Bühne weg standen.

Dennoch stellte sich – zumindest bei mir – dieses widerständische Knistern nicht ein. Zu groß ist der Unterschied zwischen Sponti mit selbstgewählter Strecke und stationärer Kundgebung. Dort ist alles, was ich machen kann: Den Reden, die nicht verstehen kann, zuhören, ab und zu „Widerstand“ rufen, und sich abschließend gegenseitig auf die Schultern klopfen, denn wir sind ja die Guten. Zu groß ist der Unterschied zwischen einer Bewegung, die von unten entsteht und einem Versuch, es von oben wieder zu beleben. Zu eklatant war der Widerspruch zwischen radikaler Rhetorik und braven Ablauf. Es gab ein durchgetimtes Programm mit mehr als 20 Redner*innen und Musiker*innen. Spontane Aktionen waren dadurch praktisch ausgeschlossen. Es war wie wiederaufgewärmtes Essen – auch wenn es mehr wird, es wird nur selten besser.

Aber wir leben im Hier und Jetzt. Ein nostalgischer Blick zurück ist wenig hilfreich für eine Widerstandskultur der Gegenwart. Da bleibt trotz aller Kritik festzuhalten: Die Rückkehr des Donnerstags ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Es haben wieder mal zehntausende Menschen gezeigt, dass sie mit der Politik der Regierung nicht einverstanden sind. Es werden mehr und mehr Künstler*innen, die mit ihrer Kritik und ihrer Ablehnung nicht hinter dem Berg halten. Doch das wichtigste ist: Es gab schon einige große Proteste gegen die Regierung. Doch das waren große Events mit wenig nachhaltiger Wirkung. Wenn es jetzt neben der kleineren Music 4 Human Rights Kundgebung eine größere wöchentliche Kundgebung/Demo gibt. kann sich das ändern. Es kann eine neue Widerstandskultur daraus wachsen.

Dass das gelingt, dafür braucht es einen Kampf um unsere eigenen Köpfe. Wir müssen uns selbst wieder ernst nehmen, wir müssen wieder lernen, dass wir es selbst in der Hand haben, die Gesellschaft zu verändern. Bislang, auch letzten Donnerstag, hatte ich das Gefühl, dass es den Leuten wirklich wichtig ist, zu zeigen, dass sie mit der Politik nicht einverstanden sind. Doch wirklich was ändern daran glauben nur die wenigsten. Das zeigten manche Plakate („Wixen gegen Rechts“ „Nazis weg Kuscheln“). Es zeigte sich aber auch daran, dass viele Leute nur kurz blieben. Als die Kundgebung nach 3 Stunden endete, waren eher 2000 als 20 000 übriggeblieben.
Es wird dauern, bis wir Wege für einen neuen Widerstand gefunden haben. Es wird Übung brauchen, bis wir uns wieder selbst vertraue können. Deswegen ist klar: Wir sehen uns wieder am Donnerstag!